Page 42 - Staleke Ausgabe 212, Winter 2018
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 verbliebenen Feuerlöschteich, von den Dorfbewohnern auch Pool (gesprochen Pohl) ge- nannt, ein idyllisches Biotop in der Dorfmitte, das vielen Tieren Zuflucht gewährt, verlassen wir die Straße „Am Dorfteich“ um in die Heinrich-Schriefer-Stra- ße einzubiegen . Hier im alten Dorfkern haben nur noch we- nige Höfe ihre alte Substanz, mit der herben norddeutschen Schönheit, erhalten können . Links von der Einmündung der „Querkampstr .“ sehen wir das noch erhaltene aber nicht mehr ursprüngliche Wohnhaus von Heinrich Schriefer . Der in Schlussdorf bei Worpswede 1847 als Torfbauernsohn ge- borene Schriftsteller Heinrich Schriefer wurde Lehrer in Kas- sebruch . Mit der Begabung des Schreibens und aus Geldnot veröffentlichte er 1892 einen Band Erzählungen und Gedich- te aus dem Moor . Damit und mit dem 1907 erschienenen Worpsweder Bildern setzte er seiner alten Heimat literarische Denkmäler . Sein Hauptwerk, das 1901 nach jahrelangen Re- cherchen erschien, ist ein um- fangreiches, grundlegendes Buch über die Geschichte sei- ner neuen Heimat: Hagen und Stotel – Die Geschichte beider Ämter und damit jedem Hei- matfreund unentbehrlich .
Wir verlassen die Hein- rich-Schriefer-Str . an der Ein- mündung „In de Hörn“  . Das vorletzte Haus (Fixsen Haus) links, ist das älteste Haus in Kas-
sebruch . Es wurde von dem gro- ßen Feuer, dem fast alle Häuser im Jahre 1870 zum Opfer fielen, verschont . Die Giebelfront ist noch in seiner Ursprünglich- keit erhalten geblieben . Ihm gegenüber hat der inzwischen verstorbene Dorfchronist und Studienrat Carsten Boos ge- wohnt . Jetzt wo die Häuser weichen, tauchen wir in ein sattes Grün . Hier beginnt die anfangs genannte unbekannte Geschichte zu atmen . Nicht von der Gruft derer von Wersebe, deren rotes Ziegeldach im ver- schwommenen diffusen Licht des Waldes links schwach zu er- kennen ist, diese Geschichte ist weitestgehend bekannt . Wenn man aber den Blick nach rechts schweifen lässt, kann man durch die Stämme junger Bäu- me einen ungewöhnlich hohen Erdwall erkennen, der den Wald begrenzt und der einst eine andere Funktion als eine Feld- begrenzung gehabt zu haben scheint . Seine Breite beträgt am Fuß noch 5 bis 6 Meter und seine Höhe trotz Bodenerosion immer noch zwischen 0,65 und 1 Meter . Auf ihm ruhen mäch- tige alte Buchen und Eichen, als seien sie dazu berufen, das Geheimnis auf alle Zeiten zu bewahren . Vom Feuer des Ent- deckens getrieben sehen wir kurz nach der ersten sanften Biegung des von bewegenden Schatten bedeckten Waldwe- ges, wie sich links des Weges ein wohl 4 Meter tiefer Graben auftut, der im Osten im Sumpf
der Drepte-Niederung zerfließt und in dessen Mitte noch ein Wall zu erkennen ist . Wir er- ahnen eine Bewehrung mit Palisaden, die sich ehemals im beidseitig umgebenen Wasser- graben spiegelten und Schutz gewährten . Rechts setzt sich dieser Wall, durch Bodenerosi- on stark abgetragen aber noch schwach zu erkennen, auf ebe- nem Gelände fort . Formationen die so die Natur nie geschaffen haben kann, führen in unseren Gedanken zu einem unerklärli- chen Flüstern, dass nach Lösun- gen sucht . Jeder Schritt voran bringt Gewissheit, dass hier ein Schreiten über unbekannte Ge- schichte begonnen hat . Vor uns streift der Weg einen unschein- baren Hügel auf dem Fichten schon seit mehr als 60 Jahren versuchen eine stattliche Größe zu erreichen . Viele fanden da- bei den Tod . Die noch Verblie- benen fristen ein karges Leben . Was ist hier im Boden, das sie am Wachstum hindert? Stand hier auf dem Hügel einst ein Gebäude und verborgene Fun- damente verhindern die Nähr- stoffaufnahme? Möglich und wahrscheinlich – es könnte ein Turm gewesen sein . Wenn man aus einigen Metern Höhe nach Westen schaut, kann man von hier aus das Urstromtal der We- ser sehen . Es konnte also früh gewarnt werden, wenn Fremde versuchten sich im Schutz des Geestrückens zu nähern . Hier könnte eine Turmhügelburg, auch Motte genannt, gestan-
den haben . Die ersten Motten entstanden zwischen 900 und 1000 n . Chr . Eine Motte (frz . motte „Klumpen“, „Erdsode“) ist ein vorwiegend in Holzbauwei- se errichteter mittelalterlicher Burgtyp, dessen Hauptmerkmal ein künstlich angelegter Erdhü- gel mit einem meist turmför- migen Gebäude ist . Typisch ist ein Durchmesser von 20 bis 30 Metern . Der beschriebene Hü- gel hat einen entsprechenden Durchmesser .
Die Motte besteht in der Re- gel aus zwei Bereichen: der auf einem künstlichen Erd- hügel errichteten Kernburg oder Hochburg sowie einer oder mehrerer Vorburgen . Die Unterscheidung dieser beiden Bereiche ist zunächst eine rein formale, von der Funktion her musste der auf dem Erdhügel gelegene Teil nicht zwangs- läufig die Hauptburg darstel- len . Beide Bereiche sind jeweils durch eigene Gräben und Wälle oder Palisaden geschützt und oftmals nach dem Prinzip der Abschnittsverteidigung hin- tereinander gegliedert, wobei die Kernburg dann den letzten Verteidigungsabschnitt dar- stellt . Vorburg und Kernburg können in verschiedener Weise einander zugeordnet sein . Bei der einteiligen Anlage befindet sich der Turmhügel der Kern- burg inmitten der Vorburg, die somit die Kernburg ringförmig umschließt . Bei mehrteiligen Anlagen sind die Areale von Vorburg und Kernburg neben-
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