Page 43 - Staleke Ausgabe 212, Winter 2018
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  Rekonstruktion einer Kernburg mit Vorburg (so ähnlich könnte die Anlage in Kasse- bruch ausgesehen haben). Quelle: Wikipedia
danke, dass dies vielleicht so gewesen sein könnte, lässt das Entdeckerherz schneller schla- gen . Nicht Karsten im Bruch sondern das Kastell am Bruch könnte diesem Dorf seinen Na- men gegeben haben . Wieder ein paar Meter weiter finden wir aber noch eine Besonder- heit . Hier erinnert eine Wal- laufschüttung mit Durchgang an eine große mit Türmen und Palisaden befestigte Toranlage, die evtl . auch den Zugang zur etwa hundert Meter entfernten Furt verwehrt haben könnte oder sicherte es den Zugang zu der eben beschriebenen Be- festigungsanlage?
Dann wäre der Eingang mit einem Doppelwall geschützt worden . War es ein Befesti- gungstor, ein Handelstor, das Tor zum Paradies oder das Tor zur Hölle? Letzteres muss ange- nommen werden, wenn wir un- seren Weg nach Durchschrei- ten des imaginären Tores nach rechts fortsetzen und in die vom Volksmund genannte Teu- felsschlucht, einem sehr tiefen Spitzgraben, wie er bei vielen Befestigungsanlagen zu finden ist, einbiegen . Ein Buchenast hat sich vor lauter Grauen ab- gewandt und ist zum Schutz in den Stamm zurück gewachsen . Will die Natur uns damit einen Hinweis geben? Der Spitzgra- ben hat noch jetzt am Boden eine feuchte Tiefe und konnte sicherlich in lang vergangener Zeit über die Drepte geflutet
werden . Während wir also auf diesen gedachten Fluten durch die Höllenschlucht gleiten, stel- len wir uns die Frage ob diese Bauwerke zu unterschiedlichen Epochen entstanden sind, ob hier über längere Zeit von unterschiedlichen Völkern die Anlagen erbaut oder genutzt wurden . Welchem Zweck dien- ten sie? Nur dem Schutz, als Stützpunkt für Invasoren oder zur Kontrolle des Warenver- kehrs über die Furt?
Bei Spitzgräben gilt in der Re- gel die vereinfachte Formel: Spitzgräben sind römischer oder karolingischer Herkunft . Der Mittelalterarchäologe Prof . Hans-Jürgen Brachmann (t) geht davon aus, dass Spitz- gräben nicht über das 11 . Jahr- hundert hinaus zu finden sind . Allgemein werden Spitzgräben den Römern zugerechnet, die- se waren jedoch nicht deren Erfinder . Die Römer haben al- lerdings den Spitzgraben viel- fältig genutzt und ihn weiter perfektioniert . Die Reichs-Idee der Franken, unter Karl dem Großen sah sich durchaus in der Tradition der Römer . Die römerzeitlichen Spitzgräben sind in der Regel 3 – 4 Meter breit und 1 – 2 Meter tief . Unter den Karolingern und den Ot- tonen wurden die Spitzgräben zunehmend breiter und tiefer . Während uns diese Gedanken bewegen, blicken wir an dem sich aus der Tiefe des Spitz- grabens imposant erhebenden
beziehungsweise hintereinan- der angeordnet .
Auch ist am Ostrand des Hügels durch die Starkregenfälle der letzten Jahre eine Art Kopfstein- pflaster zum Vorschein gekom- men (hier kämpft eine Buche schon seit mehr als 60 Jahren gegen die Schwerkraft und ums Überleben, die Wurzeln zwischen die Steine gekrallt, kümmert sie vor sich hin) . Der- lei Spuren finden Archäologen dort, wo doppelseitige Palisa- denzäune mit Erde und Steine gefüllt und durch Feuer zerstört und in sich zusammengefallen sind oder wenn die Krone des Walles aus hohen Holzpalisaden bestand, die rückwärtig mit ei- ner brusthohen Sandschüttung aufgefüllt war und auf der In- nenseite des Walles durch eine Packung aus Feldsteinen gehal- ten wurden . Alles deutet also daraufhin, dass es hier etwas zu schützen gab . War es eine Kern- burg, die in einer Kombination von Palisaden und Wassergra- ben umgeben war?
Der Weg und Hügel fallen Rich- tung Süden etwa 5 Meter in die Tiefe . Hier unten ist es beidsei- tig des Weges sehr feucht . Es muss hier einen bis zu 7 Meter breiten Wassergraben gege-
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ben haben, der den Hügel von Süden her schützte . In seinem kräuselnden Wasser konnte sich der Anblick der imposan- ten Anlage noch verstärken . Im Laufe der Jahrhunderte wird er sicherlich verlandet sein . Er ist aber bis heute gut zu erkennen . Ein paar Meter weiter treffen wir wieder auf einen Erdwall, der auch den Süden der Anlage umschließt und sich im Sumpf der Drepte-Niederung verliert . Dieser Wall könnte zur oben beschriebenen Vorburg einer Motte gehört haben . Zumin- dest zeigt die nachstehende Rekonstruktion einer entspre- chenden Anlage auffällige Ähnlichkeit mit den eben be- schriebenen Merkmalen .
Oder war hier vielleicht mal ein römisches Kastell oder Marsch- lager? Eine Eigenart der römi- schen Kastelle bestand darin, dass ihre Wälle an den Ecken abgerundet waren . Dort hat- ten Sie in der Regel Wachtürme platziert . Betrachten wir nun den Wall im Kassebrucher Ge- hölz, dort wo er seinen Verlauf von südlicher in östliche Rich- tung ändert, sehen wir genau dieses Merkmal . Römer? Dies werden nur Fachleute bewer- ten können aber nur der Ge-
Rekonstruktion einer eisenzeitlichen Toranlage (so ähnlich könnte die Toranlage im Kassebrucher Gehölz ausgesehen haben). Quelle: Wikipedia
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